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Michael Trestl: Keine Erosion des Premium-Produkts bei Austrian

Noch ist die Krise nicht ausgestanden, aber die Zeichen weisen in die richtige Richtung. Wie Austrian Airlines durch den Sommer gekommen ist, was sie für den Winter plant und wie die postpandemische Phase angepackt wird, erzählt Vertriebsvorstand Michael Trestl im Gespräch mit unserem Schwester-Portal tip-online.

|  CCO Michael Trestl (c) Austrian Airlines / Nicole Heiling

Nach einem überraschend guten Sommer ist die Buchungslage derzeit „zufriedenstellend“, erklärt Trestl. Große Hoffnung liege auf den USA-Verbindungen, da vollständig geimpften europäischen Reisenden ab November die Einreise wieder erlaubt ist. Auch der neue Flug nach Cancún scheint gut anzulaufen.

Warum ein Teil der Feriendestinationen von Austrian MyHolidays künftig im Linienverkehr bedient wird, erklärt Michael Trestl ebenso wie die Strategie auf der Langstrecke aussieht. Gleich vorweg: Weitere touristische Ziele in der Ferne sind nicht ausgeschlossen.

Fragen & Antworten

tip-online: Wie ist der Sommer gelaufen?
Michael Trestl: Wir waren mit Juli und August durchaus zufrieden. Wir haben einen absoluten Nachholeffekt im touristischen Segment festgestellt, wo wir etwa 10% über den Vergleichsmonaten 2019 lagen, obwohl wir nur 50% bis 55% des Gesamtangebots aus 2019 aufgelegt hatten. Das hat uns überrascht. Als sich im Frühjahr eine leichte Erholung abgezeichnete, rechneten wir damit, dass einiges an Sommergeschäft gehen wird - aber nicht so viel. Wir sind vom Hochsommer daher positiv überrascht.

tip-online: Welche Ziele waren stark nachgefragt?
Michael Trestl: Besonders die griechischen Inseln - allen voran Kreta, das wir teilweise am Samstag viermal angeflogen haben, einmal davon mit einer B777. Aber auch Rhodos, Kos und Malaga liefen sehr gut. Nach Palma haben wir massiv aufgestockt auf tägliche Verbindungen. Das werden wir auch im Winter durchfliegen - allerdings nicht täglich. Gut entwickelt hat sich auch der Bereich People to People, also Visit Friends & Relatives, vor allem im DACH-Raum und innerhalb Europas, besonders in Südost-Europa. Auch das hat uns positiv überrascht. Erfreulich gut gelaufen sind die USA-Flüge, obwohl das Land im Sommer für Besucher aus der EU noch geschlossen war. Hier waren die Non-Schengen-Transfer-Flüge etwa aus Pristina oder Skopje gut gebucht, was die zentrale Bedeutung unseres Heimatflughafens Wien als internationales Drehkreuz unterstrichen hat. Dieser Dreiklang aus verschiedenen Zielgruppen hat im Juli und August zu einem zufriedenstellenden Ergebnis geführt.

tip-online: 1G, 2G oder 3G an Bord?
Michael Trestl: Aktuell richten wir uns danach, was am Zielort vorgeschrieben ist. Man sieht eine Tendenz dahin, dass die Einreise für Geimpfte und Genesene deutlich einfacher ist. Man muss, denke ich, kein Prophet sein, um zu erkennen, dass wahrscheinlich wegen der Bestimmungen in den Ländern letztlich auch an Bord eine 1G- oder 2G Regel gelten wird. Persönlich bin ich ein Befürworter.

tip-online: Ist der IATA Travel Pass eine Lösung?
Michael Trestl: Wir haben uns das als Lufthansa Group relativ früh angeschaut. Wenn der Luftverkehr wieder voll in Gang kommt, muss es ein einheitliches digitales Verfahren für Corona-Dokumente geben. Wir sind hier also weiter dran.

"Die Zahlen sind um 200% bis 250% nach oben gegangen"

tip-online: Wie sind die USA- und Kanada-Flüge nachgefragt?
Michael Trestl: Nach der Ankündigung der Öffnung der USA ist die Nachfrage sofort gestiegen, obwohl noch sehr viele Fragen ungeklärt sind. Unmittelbar haben wir aber eine deutliche Belebung des Buchungsverhaltens feststellen können. Die Zahlen sind um 200% bis 250% gegenüber den Vormonaten nach oben gegangen. Man sieht eine deutliche Zuversicht für Reisen im Winter und vor allem über Weihnachten. Wir freuen uns sehr und sind dankbar für diesen Schritt, auch wenn er sehr verzögert kam. Mit unseren vier Strecken in die USA und zwei nach Kanada sind wir sehr zuversichtlich. Unser Ziel ist, mit diesen Flügen über den Winter positiv zu wirtschaften. Dafür ist nicht nur die Auslastung maßgeblich, sondern auch die operationellen Rahmenbedingungen, die zum Beispiel den Crew-Layover betreffen oder die Auflagen der Länder für Transfergäste.

tip-online: Austrian Airlines hat angekündigt, einen Teil der Feriendestinationen als Linienflüge durchführen zu wollen. Was wird dann aus Austrian MyHolidays?
Michael Trestl: Mit Austrian MyHolidays haben wir ein enorm etabliertes Vermarktungsinstrument, besonders für die Reiseveranstalter. Wir wollen die Logik von Austrian MyHolidays beibehalten, aber bei Vertriebssystem und Partnerschaftsformen modernisieren. Wir haben erkannt, dass einzelne Charterstrecken im Einzelplatzverkauf bei b2c sehr stark sind, gleichzeitig gibt es dort viel Wettbewerb. Das ist das eigentliche Motiv, dass wir acht Feriendestinationen als Linienflüge führen werden. Da müssen wir uns im Vertrieb stärker aufstellen, um alle Segmente bestmöglich bedienen zu können. Unsere Partnerschaft mit b2b wollen wir weiterführen, aber mit einer modernisierten Systemumgebung, die mehr Dynamik und Flexibilität ermöglicht. Das ist eine logische Weiterentwicklung und Reaktion auf die Marktentwicklung. Auf diesen acht Strecken liegt der b2c-Anteil mit rund 70% deutlich höher als der b2b-Anteil. Dieser Schritt ermöglicht uns, nicht nur für neue Zielgruppen interessanter zu werden, sondern auch unser Produktangebot breiter aufzustellen, wie etwa durch die Einführung einer Business Class auf den relevanten Ferienstrecken.

"Wir wollen „the best of both worlds“ miteinander kombinieren"

tip-online: Wie ist die Reaktion der Veranstalter auf diesen Schritt ausgefallen?
Michael Trestl: Natürlich bedeutet es eine Veränderung in der Art und Weise unserer Zusammenarbeit. Das Vorgehen auf den betroffenen Strecken bedeutet mehr prozessuale Anpassungen als technische. Das ist definitiv nicht als Absage an die Veranstalter zu verstehen, sondern mehr als ein Versuch, uns angesichts der aktuellen Herausforderungen im Wettbewerbsumfeld zukunftsfähig aufzustellen. Damit wir all diese Strecken auch in Zukunft gemeinsam mit unseren Partnern anbieten können. Über prozessuale Wege können wir auch Veranstalter anbinden. Perspektivisch wollen wir „the best of both worlds“ miteinander kombinieren.

tip-online: Wie wird die neue Buchungsplattform angenommen? Wie reagiert die Reisebranche darauf?
Michael Trestl: Der Anteil der Online-Buchungen ist während der Zeit der Pandemie durch die Decke gegangen. In der Lufthansa-Gruppe haben wir schon länger das Projekt, die Kernmarken so aufzustellen, dass sie möglichst gut miteinander kombinierbar sind. Ziel ist die Verbesserung der User-Experience. Wir haben bereits viele positive Rückmeldungen und im gleichen Maß auch Anregungen für Verbesserungen. Gemeinsam mit der Gruppe investieren wir in eine Lösung für mobile Geräte, die im Laufe des nächsten halben Jahres gelauncht und im Laufe von 2022 in die App von Lufthansa, Swiss und AUA integriert werden soll.

tip-online: Welchen Stellenwert werden Reisebüros und TMCs künftig im Vertriebskonzept von Austrian einnehmen?
Michael Trestl: Aus meiner Sicht einen sehr wichtigen. Erst vor kurzem hatten wir einige TMCs zum Gedankenaustausch eingeladen – das war auch höchste Zeit. Auch künftig werden wir auf eine synergetische Aufstellung setzen. Stichwort NDC: Das schafft neuen Kundennutzen und spielt eine wichtige Rolle in Reisebüros und TMCs.

tip-online: Wie sind die Flüge nach Cancún gebucht?
Michael Trestl: Die Buchungen sind recht gut. Für kommenden Winter haben wir viel touristische Kapazität für Warmwasserziele aufgelegt - nach Malé, Mauritius und Cancún. Cancún läuft gut, über den Erwartungen, besonders durch die Aufstellung mit der TUI. Aber es gibt noch freie Plätze. Für den Winter 2022/23 planen wir Cancún wieder ein, im Sommer nicht.

"Ich halte die Dominikanische Republik für einen hoch attraktiven Markt"

tip-online: Wäre ein Dreiecksflug etwa über die Dominikanische Republik nicht leichter zu füllen?
Michael Trestl: Die Dominikanische Republik mit Punta Cana fehlt definitiv im Streckennetz. Wir diskutieren dieses Projekt laufend, aber nicht für diesen Winter. Ich halte das für einen hoch attraktiven Markt. Für die Zukunft will ich das nicht ausschließen. Ein Dreiecksflug hat einen sehr hohen operativen Aufwand. Da ist mir ein Business Case mit Direktflug lieber.

tip-online: Sind weitere Ferienziele auf der Langstrecke in Planung? Ist Phuket ein Thema?
Michael Trestl: Ich würde nichts ausschließen. Wir evaluieren laufend neue interessante Streckenoptionen. Auch Phuket haben wir uns gut angeschaut. Auch die touristische Mittelstrecke mit Ägypten und den Kanaren hat viel Potenzial. Auf der touristischen Langstrecke gibt es viel Wettbewerb. Für diesen Winter haben wir fast 40% der Langstreckenkapazität für Warmwasserziele eingesetzt. Auch Bangkok hat ja eine touristische Komponente, das fliegen wir als Ganzjahresverbindung. Von Phuket haben wir abgesehen, da es im Winter wohl noch eine hohe Volatilität bei den Einreisebestimmungen geben wird. Bei Mexiko sind die Reiserestriktionen liberaler, das hat sich schon relativ früh abgezeichnet. Bei Thailand ist das leider nicht der Fall, da wäre das Risiko derzeit noch zu groß.

tip-online: Wie sind die Vorausbuchungen generell für den Winter?
Michael Trestl: Die Buchungen kommen aktuell zufriedenstellend herein, es hat jedoch noch viel Platz. Für Oktober haben wir Hoffnung auf die Herbstferien und innereuropäische Geschäftsreisen, die langsam wieder zunehmen. Ab November ziehen die USA an, wir sind aber in der Vorausschau eher verhalten. Für den Weihnachtspeak steigt die Nachfrage bei Kurz- und USA-Flügen. Das lässt uns hoffen. Februar und März liegen aus heutiger Sicht noch zu weit in der Zukunft, um eine qualifizierte Prognose zu wagen. Die meisten Buchungen gehen sehr kurzfristig ein, sechs bis acht Wochen vor Abflug, auch auf der Langstrecke, bei den USA etwas länger. Die Zeichen weisen jedenfalls in die richtige Richtung. Wir sind deutlich optimistischer als Ende September 2020.

"Ich würde einer Regulierung im Sinne eines Mindestpreises offen gegenüberstehen"

tip-online: Was halten Sie von Mindestpreisen für Flug-Tickets?
Michael Trestl: Im Kern stehe ich dem Thema sehr offen gegenüber. Als Garant der österreichischen Wertschöpfungskette dürfen wir nicht erlauben, dass die Preise unter der Kostendeckung sind. Ich würde einer Regulierung im Sinne eines Mindestpreises offen gegenüberstehen. Die Argumente dafür stoßen auf großes Interesse. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um CO2-Emissionen wäre ein Hinterfragen der Inflation von Flugreisen aufgrund von Niedrigstpreisen durchaus in unserem und im allgemeinen Sinne.

tip-online: Thema NDC – wo steht Austrian Airlines aktuell? Wann folgt Amadeus?
Michael Trestl: NDC ist eine der strategischen Initiativen der Lufthansa-Gruppe, um sich in der Distribution zukunftsfähig aufzustellen. In der Corona-Zeit hat das Thema wie so viele Projekte etwas an Geschwindigkeit verloren, aber wir rücken grundsätzlich und strategisch davon nicht ab. Wo NDC live gegangen ist, haben wir durchaus positive Rückmeldungen.

tip-online: Wie sehen Sie Austrian Airlines mittelfristig positioniert?
Michael Trestl: Als eine der Premium-Brands im Konzern. Das wird auch so bleiben. Die enorme Dienstleistungsorientierung haben wir auch in der Pandemie bewiesen. Natürlich müssen wir uns effizienter aufstellen, das heißt aber nicht, dass es zu einer Erosion des Premium-Produkts kommt. Zum Beispiel bei der Austrian Melangerie auf der Kurzstrecke - da hat der Gast eine hochwertige Auswahl. Wir gehen weg von der vereinheitlichten Dienstleistung, hin zu individuellen Angeboten. Dass das etwas kostet, ist die Konsequenz, aber es stiftet spürbaren Kundennutzen. Austrian Airlines hat eine 63-jährige Geschichte und eine tiefe österreichische Verankerung mit einer hohen emotionalen Komponente. Darauf müssen wir aufbauen.

tip-online: Bis wann rechnen Sie, dass Sie den Krisenmodus verlassen können?
Michael Trestl: Man muss unterscheiden zwischen der unmittelbaren Krise, die geprägt ist von Restriktionen, und einer hohen Volatilität. Sobald die Impfraten hoch genug sind, wird hoffentlich wieder so etwas wie Normalität einkehren. Aber auch 2022 und 2023 werden wir voraussichtlich noch Gesundheitskontrollen haben, in welcher Form auch immer. Wenn wir die unmittelbare Krise überwunden haben, folgt die Phase der Restrukturierung. Da haben wir schon viel getan, aber mit den Nachwehen der Krise umzugehen, wird uns noch bis ins Jahr 2023 und darüber hinaus beschäftigen. Wir wollen den staatlich besicherten Kredit schnellstmöglich zurückzahlen und wieder investitions- und wachstumsfähig werden. Das „new normal“ wird die neuen Marktgegebenheiten zeigen.

tip-online: Ein Satz zum Schluss...
Michael Trestl: Danke für das Interview. Bleiben Sie gesund!

Das Gespräch führte Elo Resch-Pilcik.





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